„Dieser Manager hält die Finanzindustrie für Altlast“ titelt die Onlineausgabe der Welt. Und dazu ein Bild von mir. Ups. Wieder was gelernt!

Soll ich mich jetzt in Gemeinschaft mit Bill Gates fühlen, dem das Zitat zugeschrieben wird „Banking is necessary, Banks are not“? Ich hoffe jetzt gerade, er hat das wirklich gesagt. Irgendwie würde ich aber immer noch gern selbst entscheiden, was ich für eine „Altlast“ halte. Die Printausgabe titelte noch korrekt: „Aus eins plus eins muss mindestens drei werden“. Also Welt am Sonntag-Print zitiert korrekt.

Weiter unten im Artikel klärt die Onlineausgabe der Welt zwar auf, dass ich vielleicht „Die trägen Kernsysteme der traditionellen Finanzindustrie … würden jetzt zur Altlast.“ gemeint haben könnte. Aber dies Aussage kennzeichnen sie nicht einmal als ein Zitat von mir 🙁

Kurz die Fakten

Die Welt hat folgende Frage gestellt:

„Wie verändert die Digitalisierung die Finanzbranche? Wo stehen wir aktuell?“

Und ich habe geantwortet:

„Die ersten Großrechner in der Privatwirtschaft wurden von Banken und Versicherungen eingesetzt. Insofern war die Finanzindustrie im letzten Jahrhundert der Vorreiter bei der „Digitalisierung“ unserer Gesellschaft. Der Grund hierfür war die Tatsache, dass Finanzen nichts anderes als Zahlen sind und nichts so einfach zu „Digitalisieren“ war, wie die Unternehmenskerne der Finanzindustrie. Die „Digitalisierung“ über die wir jetzt sprechen, betrifft nun die Prozesse außerhalb dieses „Kerns“ – gerade auch die Schnittstelle zum Kunden. Und diese Digitalisierung revolutioniert die Branche. Transparenz, Geschwindigkeit und der Fokus auf die echten Kundenbedürfnisse sind die positiven Ergebnisse dieses Prozesses. Jetzt werden die trägen Kernsysteme der traditionellen Finanzindustrie zur Altlast. Sie sind in die Jahre gekommen. Seit Jahrzehnten wurde nur noch geflickt und ausgebessert.  Der heutige Druck nach Veränderung an der Schnittstelle zu Kunden überfordert die traditionellen Organisationen technisch und kulturell. Denn „Digitalisierung“ bis zum Kunden gibt schnellen Unternehmen viele Ansatzpunkte, durch neuartigen Kundennutzen Positionen in der Wertschöpfung zu besetzen. Geschwindigkeit ist aber nicht die Stärke alter IT-Strukturen. Dabei werden traditionelle Spieler nicht zwingend ersetzt. So erleben wir z.B. im Sparkassenlager eine enorme Aufbruchsstimmung. Wer sieht, dass die Nachbarbank ihr Geschäft durch Zusammenarbeit mit den Jungen verdoppelt hat, springt auf den Zug auf und profitiert von neuen Partnerschaften. Wir sind also mitten drin.“

Und weiter die Welt:

„Hinkt Deutschland in Sachen Digitalisierung hinterher?“

Und ich:

„Das hängt davon ab, woran man die „Digitalisierung“ eines Landes misst. An der Anzahl und Geschwindigkeit der Breitbandanschlüsse oder der Verfügbarkeit von behördlichen Prozessen in einer digitalen Form – dann sicherlich ja. An der Anzahl der Dienstleistungen von Unterhaltungsindustrie, Handel und Finanzsektor, die man vollständig digital abwickeln kann? Nein. Deutschland ist nicht überall an vorderster Front aber auch kein Schlusslicht der Digitalisierung. Die deutsche Finanzierungsbranche gehört sicherlich nicht zu den digitalsten der Welt. Vergleicht man die Finanzierungsbranche aber mit der Versicherungsbranche, so zeigt sich, dass letztere um nochmals eine Dekade hinterher hinkt. Immerhin zeichnet die Finanzierungsbranche ein gewisses Maß an Standardisierung, Homogenität und Kompatibilität der Systeme aus. Die Versicherungsbranche ist ein fragmentierter Flickenteppich aus veralteten, individualisierten Systemen und Prozessen.  Aber auch das ist kein deutsches Phänomen. Auch in anderen entwickelten Ländern haben die Versicherer früh ihre Unternehmenskerne digitalisiert. Das hält sie jetzt auf und schafft Raum für Innovatoren.“

Print war viel besser

Die Printausgabe der Welt am Sonntag gab das Interview korrekt wieder. Hier fühle ich mich richtig repräsentiert. Danke an die Profis!

Meine Lehre

Schlechter (Online)-Journalismus IST auch eine Altlast – so wie die Kernbanksysteme der Banken. Er macht Medien nicht träge, nur nutzlos. Schlechter Journalismus:

  • verdirbt das Ansehen der vierten Gewalt und macht diese existenzielle Säule unserer Demokratie brüchig,
  • verursacht Fehlinformation und führt in der Konsequenz zu schlechten Entscheidungen (von Wählern und Repräsentanten).

Das gilt auch – und in einer immer digitaleren Zeit – gerade für Online-Redakteure. Klickraten sind nicht das Ziel von Journalismus. Also liebe Online-Welt – nächster Versuch bitte! Wir brauchen – auch von Euch – guten Journalismus!