Im gerade veröffentlichten Offenen Brief der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zum Thema Umgang mit Plagiaten in der wissenschaftlichen Arbeit in der Politik ist ein für mich sehr interessantes Zitat verarbeitet:

Wissenschaftlicher Fortschritt und Innovationen, letztlich also der Wohlstand in unserem Land, beruhen maßgeblich auf den Prinzipien Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen

Da Deutschland nach der Ausbeutung der Steinkohle im 20. Jahrhundert nicht mehr über relvante Rohstoffvorkommen verfügt, ist der Weg zu Wohlstand in unserem Land ausschließlich über wissenschaftlichen Fortschritt und Innovation möglich. Sehr wahr. Wir Deutschen haben in der Mitte des letzten Jahrhunderts auch bereits ein großangelegtes Experiment des Gegenbeweises für das Paradigma unternommen, und sind damit bitter gescheitert. Aber selbst aus dieser Katastrophe heraus haben wir es – getreu diesem Leitsatz geschafft, wieder ein großartiges, wohlhabendes Land aufzubauen.
Ergänzt man nun noch – wie von der Allianz der Wissenschaftsorganisationen vollzogen – den gesellschaftliche Link zwischen Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen – mit den Grundzügen wissenschaftlicher Arbeit – dann entsteht insgesamt ein logisch und nachvollziehbares Gesamtwerk. Für mich (und auf Deutschland bezogen), ist die Aussage

Wohlstand in unserem Land, beruhen auf Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen

insofern ein sehr spannendes volkswirtschaftliches Paradigma.

Wenn ein solches „Naturgesetz“ für die gesamte Volkswirtschaft und zwischenzeitlich bereits über Generationen nachweisen läßt, ist doch die spannende Frage, welche Auswirkungen und Rückschlüsse dies auf die einzelnen Subjekte in der Volkswirtschaft zuläßt.

Hier bin ich schnell bei meinen beiden Lieblingsthemen: Unternehmen (einschließlich Unternehmern und Managern) und Parteien (einschließlich Politikern).


Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen in der Politik

 

 

OK. Ich glaube, dieser Teil wird einfach. Egal ob auf Bundes- oder Lokalebene fallen mir KEINE „erfolgreichen“ Politiker ein, denen ich – aus meiner persönlichen, subjektiven Perspektive – die Merkmale „Wahrhaftigkeit, Redlichkeit oder Vertauen“ zusprechen könnte. Das exakte Gegenteil trifft zu. Auch scheine ich mich von der Masse der Bevölkerung in meiner Einschätzung nicht zu unterscheiden.

Auf der Ebene der Lokalpolitiker ist z.B. mein Vater – dem ich aus meinem persönlichen Erleben der letzten 37 Jahre diese Werte ohne jeden Zweifel zuschreiben kann, zweimal gescheitert. Beim ersten Mal hat er selbst „hingeschmissen“, weil er das Unverständnis von aufgewiegelten Bürgern nicht mehr ertragen konnte. Beim zweiten Mal (als er aufgrund der Krankheit des Amtinhabers auf Wunsch des Gemeinderates zurückgekehrt war und längere Zeit erfolgreich dessen Geschäfte übernommen hatte) hat er die anschließende Wahl gegen einen naiven Schwätzer verloren (klingt jetzt vielleicht hart, ich kenne ihn auch kaum persönlich, die Einschätzung beruht auf seinem damaligen Wahlprogramm und die realen Taten und „Erfolge“ während seiner folgenden Amtszeit).

Auf der Bundesebene kann ich – unabhängig von politischen Anschauungen von ganz links bis ganz rechts nur weitere Negativbeispiele ergänzen. Erfolgreiche Spitzenpolitiker (der aktuellen Zeit), wie Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Guido Westerwelle (FDP), Joschka Fischer (Grüne), Oskar Lafontaine (SPD, Linke) oder Angela Merkel (CDU) kann ich nicht mit „Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen“ assoziieren (bei Joscka Fischer scheint sogar die politische Arbeit selbst Rückwirkung auf sein Wertesystem gehabt zu haben). Ich höre zwar immer wieder, dass die Politiker-Generationen der Nachkriegszeit (Adenauer, Brand & Co.) anders gewesen sein sollen (oder würde mangels eigenen Erlebens hier die Eigenschaften unterstellen), aber leider haben diese Politiker offensichtlich keinen Einfluss mehr auf die politische Willenbildung und repräsentieren insofern diese Gesellschaftsgruppe nicht mehr.

Wenn also – zumindest aus meiner Perspektive – diese für unsere Volkswirtschaft so wichtige Gruppe, gegen das Paradigma handelt, wie kann es dann sein, dass offensichtlich trotzdem unsere Volkswirtschaft (noch) prosperiert? Haben Politiker (wirklich) so wenig Einfluss auf die Entwicklung unserer Gesellschaft oder zehren wir noch von den richtigen Entscheidungen und Weichenstellungen ihrer Vorvorvorgänger? Hier werde ich gerade unsicher.

 

Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen in Unternehmen

 

 

Das Wertesystem eines Unternehmens wird in aller Regel vom Unternehmer oder falls ein solcher nicht (mehr) vorhanden ist, von den Topmanagern vorgegeben und vorgelebt. Hierbei findet sich wohl in jedem dokumentierten Unternehmensleitbild das Wertesystem „Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen“ wieder. Insofern ist die implizite Logik, die im Paradigma zum Ausdruck kommt, auch in der (theoretischen) „Betriebswirtschaft“ angekommen. Faktisch basiert jede moderne Managementlehre darauf.

Ob es in einem Unternehmen aber wirklich gelebt wird, unterscheidet sich dann nicht selten von der Wahrhaftigkeit, der Redlichkeit und der Ehrlichkeit des Unternehmers / Topmanagers. Ich habe in den letzten 10 Jahren auf jeden Fall viele klein- und mittelständische Unternehmen scheitern sehen, dessen Unternehmensleitern ich dieses Wertesystem absprechen würde. Es gibt aber auch – zumindest grenzwertige und temporäre – Gegenbeispiele in meinem unmittelbaren Umfeld (Unternehmen, die (noch) nicht gescheitert sind, dessen Unternehmersleitern ich das Wertesystem aber ebenfalls abspreche). Die Werteseite des Paradigmas nicht zu erfüllen, führt also nicht zwangsläufig in Fiasko, aber mit einer gewissen Häufigkeit.

Auf der anderen Seite fällt mir aktuell kein Unternehmen ein, dessen Unternehmensleiter ich die Werte zusprechen würde, und das gescheitert ist (naive Glücksritter mal ausgenommen). Im positiven Sinn, erfüllt das Paradima also schon seine Wirkung – zumindest auf Basis meines engen Horizontes.

Eine brilliante Idee, Rafinesse aber auch die unter Politikern so verbreitete Profession des Blendens können die Basis zumindest temporär erfolgreicher Unternehmen sein. Auf jeden Fall kann man Schwächen im eigenen Wertesystem auf Ebene eines Unternehmens hierdurch kompensieren. Auf Ebene einer Volkswirtschaft vergleichbar mit „Rohstoffen“, die auch zumindest temporär zu Wohlstand führen können.

Aus eigener praktischer Erfahrung muss ich auch feststellen, dass es ggf. gar nicht so einfach ist, sein eigenes Wertesystem in einem stark wachsenden Unternehmen, mit zwangsläufig erforderlichen Managementstrukturen – durchzusetzen. Es gibt keine zwei Menschen (also auch keine zwei Manager), die ein Wertesystem gleich verstehen, gleich annehmen und gleich umsetzen. Ganz zu schweigen von den „Blendern“, die man bei starkem Wachstum zwangsläufig zumindest temporär ins Unternehmen holt.

Für mich persönlich kann ich feststellen, dass zumindest aus meinem noch beschränkten Unternehmerhorizont (12 Jahre) das Paradigma

Wohlstand eines Unternehmens, beruhen auf Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen

gilt. Ein abweichendes Wertesystem verursacht zumindest für das Unternehmen ein deutlich höheres Risiko des Scheitern (wenn auch ohne Zwangsläufigkeit).

Insofern kann und muss ich aus meiner Perspektive festellte, dass die erfolgreichen Unternehmen dieses Landes überproportional Träger und Verwirklicher des Paradigmas sind. Ob sie es sind, die die Unredlichkeit und Verlogenheit von gegenwärtigen Politikern kompensieren, ist eine mutige These, bedarf jedoch einer eingehenderen Analyse. Der Beweis steht noch aus. Vielleicht mal ein Thema für eine echte Doktorarbeit 🙂